Inkontinent nach Prostata-OP?

Interview mit Dr. Stephan Neubauer und Dr. Pedram Derakhshani vom Westdeutschen Prostatazentrum in Köln

Prostatakrebs ist nach wie vor die häufigste Krebserkrankung des Mannes. Pro Jahr erkranken etwa 58.000 Männer an einem bösartigen Tumor der Vorsteherdrüse. Ist der erste Schock halbwegs überwunden, trifft es viele Männer nach der operativen Entfernung der Prostata noch einmal hart: Sie verlieren ungewollt Urin und leiden an Erektionsstörungen und Impotenz. Über mögliche Folgen der Prostata-OP sowie über alternative Behandlungsmöglichkeiten sprachen wir mit den Urologen Dr. Stephan Neubauer und Dr. Pedram Derakhshani vom Westdeutschen Prostatazentrum in Köln.

Wie hoch ist das Risiko nach einer Prostatakrebs-OP an Inkontinenz oder Impotenz zu leiden?

Dr. Neubauer: Inkontinenz und Impotenz nach der radikalen Entfernung der Prostata variiert je nach OP-Methode und Erfahrung des Operateurs. Allerdings sind trotz nervenschonender Techniken die Zahlen insgesamt sehr hoch. Wie die Deutsche Gesellschaft für Urologie in ihrer aktuellen Leitlinie zur Behandlung des Prostatakarzinoms veröffentlicht hat, kann im Höchstfall jeder zweite Patient den Urin nicht mehr halten und 30 bis 100 Prozent verlieren nach der OP ihre Erektionsfähigkeit.

Bleibt die Inkontinenz nach der Operation dauerhaft erhalten?

Dr. Derakhshani: In vielen Fällen bessern sich die Beschwerden mit Beckenbodentraining oder Medikamenten wieder. Bei etwa 10 Prozent der Operierten bleibt die Inkontinenz jedoch dauerhaft bestehen. Das Problem den Urin nicht mehr halten zu können, ist unterschiedlich stark ausgeprägt und reicht vom leichten Urinverlust und Tragen von Vorlagen bis hin zur dauerhaften Verwendung von Windeln. In jedem Fall aber beeinträchtigt sie die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Dies geht über eine allgemeine Verunsicherung bis hin zum Verlust sozialer Kontakte und Aktivitäten. Manche Männer trauen sich nicht mehr in den Urlaub zu fahren oder gar ihre Wohnung für längere Zeit zu verlassen. 

Und die Impotenz?

Dr. Neubauer: Bei nahezu drei von vier Männern ist nach der Operation die Fähigkeit zur Versteifung des Gliedes beeinträchtigt, da die für die Erektion wichtigen Gefäße und Nerven bei der Operation verletzt werden. Ist die Erektion nach der Operation nicht mehr möglich, können Medikamente oder technische Methoden wie Vakuumpumpen oder Spritzen helfen. Impotenz nach radikaler Prostatektomie beeinträchtigt allerdings nicht nur das Sexualleben sondern hat unter Umständen auch Auswirkungen auf die Psyche des Mannes 

Gibt es eine Alternative zur Prostata-OP, die weniger Risiken birgt?

Dr. Derakhshani: Ja, unbedingt! Lange Zeit galt die radikale OP trotz der gravierenden Folgen als einzige erfolgreiche Behandlungsmethode bei Prostatakrebs. Dies ist allerdings mittlerweile längst überholt. Eine weitaus schonendere und trotzdem genauso wirksame Methode zur Behandlung des Prostatakrebses ist die Bestrahlung des Tumors von innen, die so genannte Brachytherapie. Zahlreiche Studien belegen, dass bei Patienten, deren Tumor auf die Prostata begrenzt ist, mit Operation und Brachytherapie die gleichen Heilungsraten erzielt werden und das bei wesentlich geringeren Nebenwirkungen.

Wie läuft eine Brachytherapie ab?

Dr. Neubauer: Unter ständiger Ultraschallkontrolle werden in Voll- oder Teil-Narkose bis zu 80 kurzstrahlende, kleinste Strahlungsquellen (“Seeds”) aus Jod über den Damm direkt in die Prostata eingesetzt. Dies geschieht mit Hilfe von Punktionsnadeln, die an genau vorausberechnete Positionen in der Prostata platziert werden. Die Seeds werden an der gewünschten Position in der Prostata abgelegt, wo sie verbleiben, um dort ihre Strahlenwirkung auf das Prostatakarzinom zu entfalten. So wird das Tumorgewebe durch hochdosierte, gezielte Strahlung von innen zerstört. 

Neben der Seed-Implantation gibt es für Patienten, die einen aggressiveren Tumor oder ein späteres Tumorstadium aufweisen noch ein anderes Verfahren aus der Brachytherapie, das so genannte HDR-Afterloading. Hierbei wird eine noch höher dosierte Strahlenquelle kurzzeitig in die Prostata eingebracht und an exakt berechneten Punkten eine bestimmte Zeit fokussiert. Diese Behandlung erfolgt 2 bis 3 Mal unter einer Kurznarkose jeweils im Abstand von 1 Woche und wird oft mit einer äußeren Bestrahlung kombiniert.

Warum ist die Brachytherapie im Vergleich zur OP das schonendere Verfahren?

Dr. Derakhshani: Der Vorteil der Brachytherapie besteht darin, dass wir mit Hilfe bildgebender Verfahren und Computertechnologie die Strahlendosis im Tumor ganz exakt platzieren können. Dadurch wird der Tumor vollständig zerstört ohne umliegenden Gewebe wie Darm und Harnblase zu schädigen. Nebenwirkungen wie Inkontinenz und Impotenz treten daher deutlich seltener auf als nach einer radikalen Prostata-OP. 

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